„Wenn der Verstand den Prozess steuern möchte – warum Hypnose manchmal anders verläuft, als man es sich vorstellt“
- Heike Gottschling-Wulf
- 14. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
In meine Praxis kommen viele Menschen mit einem klaren inneren Anliegen: mehr innere Ruhe, Klarheit, emotionale Entlastung oder der Wunsch, alte Blockaden zu lösen oder etwas ganz anderes.
Sehr häufig haben sie sich bereits im Vorfeld intensiv mit dem Thema Hypnose beschäftigt, unterschiedliche Methoden recherchiert oder konkrete Vorstellungen entwickelt, wie eine Sitzung ablaufen sollte.
Das ist vollkommen verständlich — denn der Verstand sucht Orientierung, Sicherheit und Kontrolle.
Doch in der praktischen Arbeit zeigt sich immer wieder:
👉 Der Verstand hat eine Vorstellung vom Prozess —das innere System hat jedoch oft eine ganz andere Ausgangsbasis.
Und genau an diesem Punkt beginnen manchmal Missverständnisse.
Hypnose ist kein „geplanter Ablauf“, sondern ein individueller Prozess
Manche Menschen kommen mit sehr klaren Erwartungen in eine Sitzung, zum Beispiel:
sie wünschen sich eine ganz bestimmte Technik
sie stellen sich einen bestimmten Ablauf vor
sie erwarten ein konkretes Erleben
sie verknüpfen „Tiefe“ mit einer bestimmten Methode
sie glauben, dass „nur dieser Weg“ zur Lösung führen kann
Diese Erwartungen entstehen selten aus Ungeduld —sondern meist aus einem verständlichen Wunsch nach Sicherheit und Wirkung.
Doch Hypnose orientiert sich nicht daran,
was der bewusste Verstand „sehen möchte“,
sondern daran,
👉 was das innere System im Moment verarbeiten kann.
Und das kann — je nach Ausgangssituation — ein ganz anderer Zugang sein.
Der Verstand möchte Ergebnisse – das innere System braucht Sicherheit
Der bewusste Verstand denkt in Zielbildern:
„Ich möchte Klarheit.“
„Ich möchte die Ursache genau sehen.“
„Ich möchte sofort verstehen, woher das kommt.“
„Ich möchte, dass es in dieser Sitzung vollständig gelöst wird.“
Doch unser Unterbewusstsein arbeitet anders.
Es prüft zuerst:
Bin ich stabil genug für diesen Zugang?
Fühlt sich dieser Schritt sicher an?
Braucht es zunächst Entlastung, bevor ich tiefer gehe?
Möchte ein innerer Anteil gerade geschützt bleiben?
Wenn innere Schutzmechanismen noch aktiv sind, dann reagiert das System oft vorsichtig — manchmal auch zäh, langsam oder still.
Das ist kein „Fehlschlagen der Sitzung“.
Es ist ein Schutzsignal.
Unterschiedliche Ebenen – unterschiedliche Zugänge
In meiner Arbeit gibt es nicht den „einen richtigen Weg“.
Je nach Situation kann es sinnvoll sein,
mit verschiedenen Ebenen zu arbeiten, z. B.:
mit unbewussten inneren Prozessen
mit bewussten Wahrnehmungsebenen
mit emotionalen Schutzreaktionen
mit Körperempfindungen
mit energetischen Spannungsfeldern
mit übergeordneten inneren Anteilen
Welche Ebene sich öffnet, zeigt sich im Verlauf des Prozesses — nicht im Vorfeld.
Manchmal möchte das System zuerst:
Spannung reduzieren
Blockaden weich werden lassen
Ressourcen stärken
innere Sicherheit herstellen
Und erst danach wird der tiefere Kern zugänglicher.
Das ist kein Umweg —sondern oft der gesündere Einstieg.
Wenn Sitzungen anders verlaufen als erwartet
Es gibt Sitzungen, in denen Menschen anschließend sagen:
„Ich habe mir das anders vorgestellt.“
oder
„Ich dachte, es würde sich intensiver oder deutlicher anfühlen.“
In solchen Momenten zeigt sich häufig:
das innere System hat gearbeitet
aber nicht dort, wo der Verstand es erwartet hat
sondern an der Stelle, die im Moment zugänglich war
Veränderung geschieht nicht immer spektakulär.
Sie vollzieht sich häufig:
still
nachwirkend
schrittweise
integrativ
Viele Prozesse entfalten sich erst in den Tagen danach —wenn das Nervensystem in Ruhe weiterarbeitet.
Hypnose ist kein Leistungsvorgang – sondern ein gemeinsamer Prozess
Hypnose bedeutet nicht:
„Ich liefere ein bestimmtes Erlebnis.“
Sondern:
👉 Wir begleiten gemeinsam das,

was dein inneres System im Moment zulässt.
Das erfordert:
Mitwirkung
Wahrnehmungsaustausch
Vertrauen in den Prozess
Geduld mit sich selbst
Respekt vor inneren Grenzen
Und genau darin liegt Tiefe —auch wenn sie nicht immer sofort als solche erkannt wird.
Fazit: Manchmal beginnt Veränderung dort, wo Erwartungen loslassen dürfen
Der Verstand sucht Klarheit.
Das innere System sucht Sicherheit.
Hypnose bringt beides auf behutsame Weise zusammen —aber immer in dem Tempo,
das innerlich stimmig ist.
Wenn ein Prozess langsamer, stiller oder anders verläuft als gedacht, ist das kein Scheitern,
sondern oft ein Zeichen dafür,
dass der Körper und die Psyche sich schützen —und dennoch bereits begonnen haben zu arbeiten.
Du darfst dir Zeit geben.
Und dein inneres System darf seinen eigenen Weg wählen.




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