Vielleicht irren wir uns öfter, als uns bewusst ist
- Heike Gottschling-Wulf
- 8. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
Es ist erstaunlich, wie schnell wir Erwachsene glauben zu wissen, warum ein Jugendlicher gerade so reagiert.
Dabei kennen wir meistens nur einen kleinen Ausschnitt.
Mehr nicht.
Und trotzdem haben wir innerhalb weniger Sekunden eine Erklärung.
Mich beschäftigt deshalb eine ganz andere Frage.
Woher wissen wir eigentlich, dass unsere Erklärung stimmt?
Vielleicht sehen wir nur das, was gerade vor unseren Augen passiert.
Aber nicht das, was schon seit Monaten oder vielleicht sogar Jahren in diesem jungen Menschen vorgeht.
Ich glaube, wir Erwachsenen vergessen manchmal, wie schwer es sein kann, seinen eigenen Platz zu finden.
Wie soll ein Mensch sich selbst vertrauen, wenn er sich selbst noch gar nicht richtig kennt?
Dann wird die Meinung anderer plötzlich unglaublich wichtig.
Ein anerkennender Blick kann einem das Gefühl geben, dazuzugehören.
Ein abfälliger Kommentar kann sich anfühlen, als wäre mit einem selbst etwas nicht in Ordnung.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Gruppenzwang so eine große Macht entwickeln kann.
Nicht weil Jugendliche schwach sind.
Sondern weil jeder Mensch dazugehören möchte.
Je weniger Halt wir in uns selbst finden, desto wichtiger wird oft das, was von außen kommt.
Deshalb beschäftigt mich viel weniger die Frage, warum Jugendliche sich manchmal so verhalten.
Mich beschäftigt die Frage, warum wir Erwachsene so oft versuchen, etwas zu verändern, bevor wir überhaupt verstanden haben, was dahintersteckt.
Vielleicht brauchen Jugendliche nicht als Erstes mehr Regeln.
Vielleicht brauchen sie auch nicht sofort die nächste Konsequenz.
Vielleicht brauchen sie Erwachsene, die bereit sind, einen Moment länger hinzusehen.
Die sich fragen:
„Was könnte hinter diesem Verhalten stecken?"
Ich glaube, genau dort beginnt Entwicklung.
In dem Moment, in dem wir aufhören, vorschnell Antworten zu geben.
Und anfangen, die besseren Fragen zu stellen.
Denn wir lernen im Leben vieles.
Aber den Umgang mit uns selbst und anderen lernen die wenigsten von uns.
Genau aus diesem Gedanken ist die Ausbildung „Fachkraft für psychosoziale Entwicklung“ entstanden.
Sie richtet sich an Erwachsene, die Menschen nicht vorschnell verändern möchten.
Sondern zuerst verstehen wollen.





Kommentare