Gibt wirklich jeder Mensch immer sein Bestes?
- Heike Gottschling-Wulf
- 9. Aug.
- 2 Min. Lesezeit

Dieser Satz löst oft Widerspruch aus.
Denn was ist mit Menschen, die andere verletzen? Mit Eltern, die ihre Kinder anschreien? Mit Lehrern, die wegsehen? Mit Führungskräften, die ihre Mitarbeiter kleinmachen? Oder mit Menschen, die andere mobben?
Geben sie wirklich ihr Bestes?
Vielleicht hilft eine andere Sichtweise.
Vielleicht bedeutet „sein Bestes geben“ nicht automatisch, das Richtige zu tun.
Vielleicht bedeutet es, in einem bestimmten Moment nur auf die Fähigkeiten zurückgreifen zu können, die einem tatsächlich zur Verfügung stehen.
Ein Mensch kann nicht anwenden, was er nie gelernt hat.
Das macht verletzendes Verhalten nicht richtig. Jeder trägt Verantwortung für sein Handeln.
Es eröffnet jedoch eine andere Frage.
Anstatt nur zu fragen: „Warum macht dieser Mensch das?“, könnten wir auch fragen: „Welche Fähigkeit fehlt ihm gerade?“
Vielleicht fehlt die Fähigkeit, mit den eigenen Gefühlen umzugehen.
Vielleicht fehlt die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, ohne anzugreifen.
Vielleicht fehlt die Fähigkeit, Grenzen wahrzunehmen oder mit Stress umzugehen.
Und genau hier beginnt aus meiner Sicht ein Umdenken.
Wir verbringen viele Jahre damit, Wissen zu erwerben. Wir lernen Berufe, Fachwissen und Techniken. Das ist wichtig.
Doch wer bringt uns bei, wie wir mit Angst umgehen? Wie wir Kritik annehmen, ohne uns persönlich angegriffen zu fühlen? Wie wir einen Streit lösen, ohne den anderen zu verletzen? Oder wie wir in schwierigen Situationen handlungsfähig bleiben?
Diese Fähigkeiten beeinflussen unser gesamtes Leben – in der Familie, im Beruf, in Freundschaften und überall dort, wo Menschen miteinander zu tun haben.
Trotzdem werden sie kaum bewusst vermittelt.
Vielleicht erwarten wir deshalb oft etwas von anderen, das sie nie lernen konnten.
Nicht, weil sie nicht wollten.
Sondern weil ihnen das Handwerkszeug fehlt.
Genau deshalb reicht es aus meiner Sicht nicht, nur Verhalten zu bewerten.
Wir sollten Menschen befähigen.
Aus diesem Gedanken heraus ist die Ausbildung „Fachkraft für psychosoziale Entwicklung“ entstanden.
Sie richtet sich an Menschen, die lernen möchten, sich selbst besser zu verstehen, eigene Verhaltensmuster zu erkennen und anderen bewusster zu begegnen.
Denn vielleicht beginnt echte Veränderung nicht mit der Frage, wer schuld ist.
Sondern mit der Frage, welche Fähigkeit wir als Gesellschaft endlich anfangen sollten zu vermitteln.
Wir lernen alles – außer den Umgang mit uns selbst und anderen.




Kommentare